Kon­flikt­ar­beit mit einem stell­ver­tre­tend ima­gi­nier­ten Gegenüber

Die hier vor­ge­stell­te Arbeits­wei­se bewährt sich im orga­ni­sa­tio­na­len Kon­text in der Arbeit mit einer Kon­flikt­par­tei, die moti­viert ist, einen Kon­flikt ein­sei­tig auf­zu­ar­bei­ten, der aus ver­schie­dens­ten Grün­den nicht gemein­sam bear­bei­tet wird. Sie bezieht dabei in ein­zel­nen Schrit­ten die Bio­gra­fie des Ortes, die räum­lich-ört­li­che Kon­flikt­um­ge­bung sowie die Emp­fin­dun­gen zur Cha­rak­te­ri­sie­rung des Kon­flikts der Betei­lig­ten mit ein, schreibt die gewon­ne­nen Qua­li­tä­ten einem ima­gi­nä­ren Gegen­über zu und arbei­tet mit die­sem als ange­nom­me­nem Konfliktpartner.
Die Grund­la­ge des vor­ge­stell­ten Ver­fah­rens liegt in der Phä­no­me­no­lo­gie, wie sie seit Edmund Hus­serl in viel­fäl­ti­ger Wei­se ent­wi­ckelt, kri­ti­siert und erwei­tert wurde.
Ins­be­son­de­re neue­re phä­no­me­no­lo­gi­sche For­schun­gen und Ergän­zun­gen wie die von Ger­not Böh­me und Lam­bert Wie­sing beglei­te­ten den Autor bei der Ent­wick­lung des fol­gen­den Vorgehens.

Der Sach­ver­halt am Beispiel¹

Die Außen­stel­le der Psych­ia­tri­schen Kli­nik Bje­r­ke­lund platzt aus den Näh­ten. Das Grund­stück gibt zu Bau­zwe­cken nicht mehr viel her. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit, dem Raum­man­gel zu begeg­nen, besteht dar­in, einen Teil des park­ähn­li­chen Außen­ge­län­des zu bebau­en. Des­sen Gege­ben­hei­ten erlau­ben einen Neu­bau nur in unmit­tel­ba­rer Nähe zu vier Nachbargrundstücken.
Das neue Gebäu­de steht bereits, da rei­chen eini­ge Nach­barn Kla­ge wegen Lärm­be­läs­ti­gung gegen die Inbe­trieb­nah­me ein. Sie bezie­hen sich auf einen Ver­gleich, der in einem frü­he­ren Rechts­streit zwi­schen der Kli­nik und meh­re­ren Nach­barn getrof­fen wur­de. Die­ser unter­sag­te der Kli­nik vor 40 Jah­ren, einen 20 m brei­ten Grenz­strei­fen zu den Nach­bar­grund­stü­cken zu nut­zen. Das aktu­ell errich­te­te Gebäu­de über­schrei­tet die damals gesteck­te Gren­ze um einen knap­pen Meter.
Der damit in die Wege gelei­te­te Rechts­streit mün­det in eine Patt­si­tua­ti­on, die sich zwei Jah­re hin­zieht und in der nichts vor­an­geht. In die­ser Situa­ti­on ent­schließt sich die Kli­nik­lei­tung zu einer inter­nen Auf­ar­bei­tung der ver­fah­re­nen Lage.

Zie­le und Vorgehen

Fol­gen­des wird ins Auge gefasst:

1. Eine ein­sei­ti­ge Bestands­auf­nah­me des Kon­flikts – sei­ner Vor­ge­schich­te, sei­nes Ver­laufs, sei­ner Vor­aus­set­zun­gen und zen­tra­len Merk­ma­le – soll zu inter­ner Auf­ar­bei­tung und Klä­rung beitragen.
2. Der Kon­flikt­part­ner soll aus der Schuss­li­nie genom­men wer­den, indem die Kli­nik­sei­te ihre Annah­men sowie ihr Ver­hal­ten jenem gegen­über modi­fi­ziert bzw. ändert. Damit soll der Weg für neue Schrit­te geeb­net werden.

Kli­nik­lei­tung und eine Anzahl frei­wil­lig teil­neh­men­der Mit­ar­bei­ter las­sen sich auf eine Arbeits­wei­se ein, in deren Ver­lauf Ergeb­nis­se der Bestands­auf­nah­me einem ima­gi­nä­ren Kon­flikt­part­ner im Sin­ne von „Wesens­zü­gen“ zuge­schrie­ben wer­den, die die­sen cha­rak­te­ri­sie­ren. Im Ver­lauf der Arbeit wird letz­te­rer in die Klä­rungs­ar­beit einbezogen.

Schritt 1: Erar­bei­tung der Orts- und Konfliktphänomene

Wor­um geht es? Was sind cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le des Kon­flikts, sei­ner „Umge­bung“ und sei­nes Vor­laufs? Was bil­det sei­nen „Nähr­bo­den“? In wel­che Ent­wick­lungs­pha­se des betref­fen­den sozia­len Kon­texts fällt er? Was sind Beson­der­hei­ten des Ortes, und was ist des­sen „Bio­gra­fie“?
Dies wird gemein­sam erar­bei­tet, z.T. als vor­be­rei­te­te Inputs ein­ge­bracht und dis­ku­tiert. Je nach Streit­fall wer­den sehr ver­schie­de­ne Ein­zel­hei­ten zusam­men­ge­tra­gen und zuein­an­der in Bezie­hung gesetzt. Anlie­gen ist es, eine Viel­zahl von Phä­no­me­nen zu sam­meln, um die „Kom­po­si­ti­on“ des Kon­flikts erfahr­bar zu machen.
Die „Sub­jek­ti­vi­tät“ des so erar­bei­te­ten Kon­flikt­bil­des wird als Arbeits­grund­la­ge angenommen.

Die Kon­flikt­phä­no­me­ne am Beispiel

a) Phä­no­me­no­lo­gie des Ortes

Die lang gestreck­te Form des Grund­stücks zwi­schen einer Durch­gangs­stra­ße auf der einen und Anrai­nern auf der ande­ren Sei­te prägt das Bild des Anwe­sens. Sie ent­spricht einer Lan­de­bahn oder Ein­flug­schnei­se. Der sei­ner­zeit gericht­lich ange­ord­ne­te Grenz­strei­fen zwi­schen Anrai­nern und Kli­nik über­nimmt die­se Form. Unge­nutzt ent­wi­ckel­te er sich zur Abfall­hal­de, die aus dem Bewusst­sein geriet. Die Kenn­zei­chen des Gelän­des wer­den ergänzt durch die ehe­ma­li­ge Unter­kel­le­rung im Bereich der frü­he­ren Bebauung.
Zur Cha­rak­te­ris­tik des Ortes gehört wei­ter die Eigen­art der insti­tu­tio­nel­len Anlie­ger (DIA, US-Army): Es geht um Nor­men, Struk­tur, Regle­ment, Gehor­sam, Pflicht­er­fül­lung, Ver­schwie­gen­heit, Nicht­öf­fent­lich­keit, Sicher­heits­den­ken, Über­wa­chung, kon­spi­ra­ti­ve Maß­nah­men, ver­deck­te Aktio­nen, Nach­kriegs­stim­mung (kal­ter Krieg), Feindbild…

b) Phä­no­me­no­lo­gie der Orts- und Konflikt-„Biografie“

Kurz nach Ende des II. Welt­kriegs wird ein grö­ße­res Gelän­de, das wäh­rend der deut­schen Okku­pa­ti­on der Besat­zungs­ar­mee dien­te, von der ame­ri­ka­ni­schen Armee sowie vom DIA (Defen­se Intel­li­gence Agen­cy), dem mili­tä­ri­schen Pen­dant der CIA, über­nom­men. 1949 erfolgt eine Par­zel­lie­rung. Eines der ent­stan­de­nen Grund­stü­cke erhält die Psych­ia­tri­sche Kli­nik Bje­r­ke­lund, die vor dem Krieg am Ort tätig war. Die­se rich­tet Wohn- und Arbeits­stät­ten für Lang­zeit­be­treu­te ein.
Die Umge­bung steht anfangs unter Über­wa­chung der US-Army (gepark­te Fahr­zeu­ge, An- und Abfahr­ten, Lie­fe­run­gen usw.) Vor der Auf­füh­rung eines Stü­ckes durch Schü­ler eines benach­bar­ten Gym­na­si­ums lau­fen Jugend­li­che in Phan­ta­sie­uni­for­men über das Schul­ge­län­de und geben Schüs­se aus Spiel­zeug­pis­to­len ab. Bin­nen Minu­ten stellt sich Besuch von ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten ein, die mit Maschi­nen­pis­to­len im Anschlag in der Umge­bung vor­stel­lig werden.
Ein sich von 1954–63 hin­zie­hen­der Rechts­streit zwi­schen der Kli­nik und eini­gen Nach­barn, wel­che die Umsied­lung der Ein­rich­tung anstre­ben, erschwert deren Auf­bau und drückt auf die Stim­mung von Mit­ar­bei­tern und Bewohnern.

Bei der Bear­bei­tung des neu­er­lich auf­ge­tre­te­nen Kon­flikts wird bekannt, dass wäh­rend des Krie­ges auf dem Kli­nik­ge­län­de von den Deut­schen auf­ge­grif­fe­ne Wider­stands­kämp­fer ver­hört, gefol­tert sowie z.T. stand­recht­lich erschos­sen wur­den. Wei­ter wird berich­tet, daß nach dem Krieg eine aus­ge­dehn­te bun­ker­ähn­li­che Unter­kel­le­rung gesprengt wur­de, bevor das Gelän­de neu bebaut wurde.

Schritt 2: Beschrei­bung des Kon­flikts und sei­ner „Umge­bung“ anhand von Empfindungen

Im ers­ten Schritt geht es dar­um, Tat­sa­chen des Kon­flikt­or­tes und der Orts­ge­schich­te zusam­men­zu­tra­gen, die nach her­kömm­li­chem Ver­ständ­nis objek­tiv nach­voll­zieh­bar sind und von den Betei­lig­ten für rele­vant gehal­ten werden.
Im zwei­ten Schritt geht es dar­um, die per­sön­li­chen Emp­fin­dun­gen der Betrof­fe­nen ein­zu­be­zie­hen, also um soge­nannt sub­jek­ti­ve Fak­to­ren. „Schil­dern Sie, was Sie zunächst als ‚objek­ti­ve Tat­sa­chen’ dar­ge­stellt haben, nun unter dem Gesichts­punkt Ihres eige­nen Emp­fin­dens. Wie fühlt sich das Gan­ze an? Gebrau­chen Sie Ver­glei­che, Bil­der und alles, womit Sie Ihre Emp­fin­dun­gen in Wor­te fas­sen kön­nen. Cha­rak­te­ri­sie­ren Sie auf die­se Wei­se Pha­sen, Höhe­punk­te, Umge­bung, Ver­lauf, ent­schei­den­de Momen­te des Konflikts.“
Die­se Auf­ga­ben­stel­lung erfor­dert eine gewis­se Inti­mi­tät der Betrach­tung, den Teil­neh­mern muss gele­gent­lich erst „aufs Pferd“ gehol­fen wer­den, bevor sie zu rei­ten begin­nen. Dies kann durch die Auf­ga­be gesche­hen, Ort und Kon­flikt in Far­ben wie­der­zu­ge­ben. Durch Far­be und Form kön­nen Dyna­mik, Dra­ma­tik, die emp­fun­de­ne Belas­tung des Ortes, das unter­grün­di­ge Dro­hen oder die Explo­si­on des Kon­flikts zum Aus­druck gebracht wer­den. Dem anschlie­ßen­den Gespräch wird die Fra­ge vor­an­ge­stellt: Was brin­gen Sie mit Ihrem Bild zum Ausdruck?
In der Fol­ge ent­steht ein Kom­po­sit atmo­sphä­ri­scher Zuschrei­bun­gen, die sich auf den Ort, des­sen Geschich­te sowie den Kon­flikt bezie­hen, ein Gesamt­ein­druck, ver­gleich­bar der dif­fe­ren­zier­ten Stim­mung einer Land­schaft mit ihren Licht- und Wär­me­ver­hält­nis­sen, Far­ben und Geräu­schen, ihrer Geschlos­sen­heit oder Weite.
Die­ser Schritt dient der Nut­zung des per­sön­li­chen Emp­fin­dens im Sin­ne von Erkennt­nis­mit­teln, die geeig­net sind, einen Sach­ver­halt zu umschrei­ben. Es geht nicht um Nei­gun­gen und Abnei­gun­gen, die dar­über Aus­kunft geben, ob ein Sach­ver­halt geschätzt oder abge­lehnt wird.

Die Emp­fin­dun­gen zu Ort und Kon­flikt am Beispiel

Bis weit in die 60er Jah­re hin­ein herr­schen Ver­un­si­che­rung und Angst, ob der Ort für die Ein­rich­tung gehal­ten wer­den kann. Kli­nik­lei­tung und Per­so­nal „sit­zen auf Kof­fern“ und rech­nen mit der Umsie­de­lung. Hin und wider auf­flam­men­de Gerüch­te — Begleit­erschei­nung laten­ter Anfein­dun­gen – erschwe­ren die kon­struk­ti­ve Eta­blie­rung der Arbeit: Ver­rück­te, unzu­rech­nungs­fä­hig, Gefahr für die Kin­der, zu laut, haben hier nichts zu suchen! Füh­rungs­per­so­nen in der Kli­nik­lei­tung sind jedoch hart im Neh­men und tra­gen dazu bei, den Ort trotz arg­wöh­ni­scher Anrai­ner für die Arbeit zu erhal­ten. In den 70er Jah­ren nimmt der Druck von außen ab.
Der aktu­el­le Kon­flikt besitzt etwas schwer Fass­ba­res, Unwirk­li­ches, Dif­fu­ses. Die Kli­nik­an­ge­hö­ri­gen besit­zen kei­ne Wahr­neh­mung eines kon­kre­ten mensch­li­chen Gegen­übers. Der Kon­flikt wird als „Erb­stück“ des Ortes mit sei­ner Geschich­te emp­fun­den, des­sen Aus­wir­kun­gen in der täg­li­chen Arbeit aller­dings erheb­lich sind: fer­tig gestell­te Räum­lich­kei­ten kön­nen nicht in Betrieb genom­men, die Bewoh­ner nicht adäquat unter­ge­bracht wer­den. Der neue Bau, nicht nutz­bar, führt die Beengt­heit und Absur­di­tät der Situa­ti­on täg­lich vor Augen. Emp­fin­dun­gen, unter von außen gesetz­ten Bedin­gun­gen impro­vi­siert zu leben und zu arbei­ten ähn­lich der frü­he­ren Kriegs­si­tua­ti­on, wer­den von älte­ren Mit­ar­bei­tern geäußert.

Schritt 3: Die Kon­struk­ti­on eines ima­gi­nä­ren Gegen­übers und des­sen Funktion

„Stel­len Sie sich vor, die von Ihnen beschrie­be­nen Orts- und Kon­flikt­merk­ma­le sei­en Eigen­schaf­ten einer Per­sön­lich­keit, des eigent­li­chen Kon­flikt­part­ners, auf den Sie und die Kli­ni­k­an­rai­ner unter ver­schie­de­nen Aspek­ten bezo­gen sind.“
Wie ist die­ses Gegen­über beschaf­fen, wenn die cha­rak­te­ri­sier­ten Merk­ma­le als des­sen Züge ver­stan­den wer­den? Wo lie­gen sei­ne Stär­ken, sei­ne Defi­zi­te? Was sind sei­ne Bedürf­nis­se und Nöte? Was wür­de ihm hel­fen, den Kon­flikt los­zu­las­sen? Und schließ­lich: „Was impli­ziert die Beschaf­fen­heit des ima­gi­nä­ren Gegen­übers für die Kon­flikt­par­tei, der Sie selbst ange­hö­ren?“ Anhand der Ant­wor­ten auf der­ar­ti­ge Fra­gen wird das kon­stru­ier­te Gegen­über als Kon­flikt­part­ner in die Klä­rungs­ar­beit einbezogen.

Das ima­gi­nä­re Gegen­über am Beispiel

Was für ein „Gegen­über“ ergibt sich, wenn die Orts- und Kon­flikt­merk­ma­le gleich­sam anthro­po­morph als des­sen Eigen­schaf­ten ver­stan­den werden?
Haupt­zü­ge: Starr­heit, Stren­ge, Här­te, Unbeug­sam­keit, Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft. Zugleich Atem­lo­sig­keit, man­geln­de Beweg­lich­keit; Ziel­ori­en­tie­rung auf Kos­ten von Pro­zess­ori­en­tiert­heit; dar­auf bedacht, den eige­nen Raum zu wah­ren, der von außen bedroht erscheint und daher abge­steckt, gesi­chert und bewacht wer­den muss. (See­li­sche) Enge mit Nei­gung zum Ein­satz aggres­si­ver Maß­nah­men. Vor­ge­ge­be­nen Inten­tio­nen und Prin­zi­pi­en uner­bitt­lich erge­ben. Kom­pro­miss­los, unnach­gie­big, unbeug­sam. Zugleich laten­te Unsi­cher­heit kaschie­rend, Angst vor leben­di­gen, ergeb­nis­of­fe­nen Pro­zes­sen, nagen­der Zwei­fel und Befürch­tun­gen. Ent­wur­zelt. In der har­ten Scha­le über­spie­lend, was als inne­re Sou­ve­rä­ni­tät, ent­spann­te Ruhe und Gewiss­heit im Kern fehlt. Gesprächs­un­fä­hig. Angst vor der Kraft leben­di­ger Begeg­nung und spie­le­ri­schen Flus­ses, vor Fül­le und Reich­tum des Lebens. Groß­zü­gig­keit, Gesel­lig­keit und Lebens­freu­de, lär­men­de Aus­ge­las­sen­heit und Eksta­se als Bedro­hung empfindend.
Was braucht die­ses „Gegen­über“? Was könn­te ihm hel­fen, den Kon­flikt loszulassen?
Wei­te, Atem, zuge­wand­te Nähe, Ver­trau­en, Ver­ge­bung. Ein­las­sen auf das Spiel des Leben­di­gen. Bedin­gun­gen, gelas­sen zu sich selbst ste­hen zu ler­nen statt Ver­knö­che­rung im Sicher­heits­stre­ben. Einen in sich ruhen­den, ent­spann­ten Zuhö­rer. Lösung, Gelöst­heit, Humor statt been­gen­der Ge- und Ver­bo­te. Die Erfah­rung, daß die eige­ne Exis­tenz nicht in Gefahr gerät, wenn gespann­te Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft ent­spann­ter Auf­merk­sam­keit weicht.

Zwi­schen­be­mer­kung

Die Arbeit führt zu über­ra­schen­den Ergeb­nis­sen, wenn sie kon­se­quent beschrei­bend durch­ge­führt wird, auch was die ein­be­zo­ge­nen Emp­fin­dun­gen betrifft. Die Betrach­tung eines abs­trak­ten Gemäl­des von Kan­din­sky oder Klee nach Far­be und Form kann behilf­lich sein, um dar­auf ein­zu­stim­men, wor­um es geht.
Die Über­tra­gung der erar­bei­te­ten Merk­ma­le und Cha­rak­te­ris­ti­ka auf einen ima­gi­nä­ren Trä­ger ermög­licht es den Betei­lig­ten, den Kon­flikt gleich­sam von außen anzu­schau­en und zu rea­li­sie­ren: So ist die­ser Kon­flikt beschaf­fen. Wie die­se oder jene Sin­fo­nie von Bruck­ner oder Beet­ho­ven ihre Ton­art besitzt, ihre cha­rak­te­ris­ti­schen Akkor­de, Rhyth­men und Ton­fol­gen, so trägt „unser“ Kon­flikt die­se und jene beschreib­ba­ren Züge. Es gilt, die Kon­flikt-Sin­fo­nie in Es-Dur oder A‑Moll in den Blick zu neh­men, sie als die­ses spe­zi­fi­sche Gan­ze zu begrei­fen und ernst zu nehmen.

Schritt 4: Die Betei­lig­ten wer­den aktiv

Abschlie­ßend machen sich die Teil­neh­mer Gedan­ken dar­über, was sie an klei­nen Aktio­nen durch­füh­ren wol­len, um den Bedürf­nis­sen und Nöten des erar­bei­te­ten Gegen­übers ent­ge­gen­zu­kom­men. Die Akti­vi­tä­ten haben zum Teil ritu­el­len Cha­rak­ter, zum Teil die­nen sie dem phan­ta­sie­vol­len, zugleich prak­ti­schen Umgang mit Fol­gen des Konflikts.

Wir­kungs­wei­se

Hat das geschil­der­te Vor­ge­hen eine nen­nens­wer­te Wir­kung und wodurch tritt die­se ein?
Mit „Orts­bio­gra­fie“ und „Kon­flikt­um­ge­bung“ wer­den zwei Grö­ßen ins Sys­tem ein­ge­führt, deren Betrach­tung einen Blick­wech­sel anregt, der weit rei­chen­de Fol­gen haben kann. Die Betei­lig­ten modi­fi­zie­ren ihre Sicht auf den Kon­flikt, indem sie in zwei­er­lei Hin­sicht eine neue, umfas­sen­de Per­spek­ti­ve ein­neh­men. Die auf­tre­ten­de Emp­fin­dung „Was wir hier als Kon­flikt durch­ma­chen, ist nicht nur unser Ding. Fast könn­te man mei­nen, wir wür­den instru­men­ta­li­siert von etwas, das uns nicht bewusst ist…“, ruft in ers­ter Linie den Impuls auf, sou­ve­rän han­deln zu wol­len ange­sichts einer Situa­ti­on, die höchst frag­lich erschei­nen lässt, unter welch sub­ti­len und uner­kann­ten Ein­flüs­sen bis­her gehan­delt wur­de. Zudem erleich­tert die­se Emp­fin­dung eine Lösung von der erleb­ten Aus­weg­lo­sig­keit der Situa­ti­on und eröff­net im bes­ten Fall Hand­lungs­per­spek­ti­ven, die bis dahin jen­seits der ein­ge­nom­me­nen Sicht­wei­se lagen.
Die ergän­zen­de Arbeit mit einem ima­gi­nä­ren Gegen­über ent­spricht einer zwar schwer zu fas­sen­den, jedoch stark erleb­ba­ren Rea­li­tät. Die Arbeit hat deut­li­che Auswirkungen.
Ob die ent­spre­chen­de Erfah­rungs­wirk­lich­keit von den Betei­lig­ten anhand sys­te­mi­schen Gedan­ken­guts, anhand des Kon­zepts der Mor­pho­ge­ne­ti­schen Fel­der von Sheld­ra­ke, im Sin­ne nar­ra­ti­ver Media­ti­on oder anders gedeu­tet wird, mag zunächst von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung erschei­nen. Zugleich ist das Erkennt­nis­kon­zept des Anlei­ten­den jedoch maß­geb­lich dafür, mit wel­chem Bewusst­seins­fo­kus die Arbeit geschieht. Und man wird von ihm – wenn auch ver­ein­fa­chend – sagen dür­fen: je mehr es auf der Grund­la­ge des jewei­li­gen Erkennt­nis­kon­zepts gelingt, eine tat­säch­li­che, wenn auch nicht grob­schläch­ti­ge Rea­li­tät ein­zu­be­zie­hen, des­to über­zeu­gen­der und ver­blüf­fen­der dürf­ten Ergeb­nis­se bzw. Fol­gen der Arbeit sein.

Der Aus­gang am Beispiel

Eini­ge Wochen nach Abschluss der Arbeit mit den Mit­ar­bei­tern der Kli­nik zog über­ra­schend die Haupt­klä­ge­rin ihre Kla­ge zurück. Die Neben­klä­ger folg­ten. Die bis­her unge­nutz­ten Räum­lich­kei­ten des Neu­baus konn­ten ihrem Zweck über­ge­ben werden.

Nothart Rohlfs

Anmer­kung:
¹ Im Inter­es­se des Kun­den­schut­zes ist das ange­führ­te Bei­spiel in Ein­zel­hei­ten unkennt­lich gemacht wor­den. Arbeits­ab­lauf, her­aus­ge­ar­bei­te­te Cha­rak­te­ris­ti­ka und Ergeb­nis ent­spre­chen den Tat­sa­chen. Soll­ten die ent­spre­chen­den Dar­stel­lun­gen nicht immer als schlüs­sig erfah­ren wer­den, so mag das auf die erfor­der­li­chen Ände­run­gen zurück­zu­füh­ren sein.

Aus­ge­wähl­te Literatur:
Ger­not Böh­me: Anmu­tun­gen. Über das Atmosphärische
Otto Fried­rich Boll­now: Das Wesen der Stimmungen
Edmund Hus­serl: Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten und die tran­szen­den­ta­le Phä­no­me­no­lo­gie: Eine Ein­lei­tung in die phä­no­me­no­lo­gi­sche Philosophie
ders.: Ideen III: Die Phä­no­me­no­lo­gie und die Fun­da­men­te der Wissenschaften
Lam­bert Wie­sing: Das Mich der Wahr­neh­mung. Eine Autopsie