Wie aus Kon­flik­ten Kul­tur entsteht

Wenn von Kon­flik­ten die Rede ist, wis­sen wir alle, was gemeint ist. Unser Wis­sen, wor­um es sich bei Kon­flik­ten han­delt, ver­bin­det uns. Wir haben es als Zeit­ge­nos­sen und moder­ne Men­schen gemein­sam. Die Erfah­run­gen, aus denen wir die­ses Wis­sen bezie­hen, sind hin­ge­gen sehr unter­schied­lich. Allen Erfah­run­gen ist wie­der­um eins gemein­sam: zwei Sei­ten eines zusam­men­hän­gen­den (manch­mal zusam­men­ge­hö­ri­gen) Sach­ver­halts, zwei poten­ti­ell ein­an­der ergän­zen­de Ele­men­te oder Sub­jek­te gera­ten in einen Wider­spruch, ja Gegen­satz zuein­an­der. Sie fügen sich nicht mehr har­mo­nisch inein­an­der, was zuvor pro­blem­los neben- und mit­ein­an­der funk­tio­nier­te, funk­tio­niert plötz­lich nicht mehr. Es kann sich dabei um völ­lig unter­schied­li­che Din­ge und Situa­tio­nen han­deln: mein Pflicht­ge­fühl und mei­ne Lust, das Leben zu genie­ßen, las­sen sich manch­mal nicht mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren. Zwei Part­ner, denen die frü­he­re Zunei­gung und Anzie­hung abhan­den gekom­men ist, gera­ten in Streit mit­ein­an­der. Gewis­sens­re­gun­gen und Gehor­sam­s­pflicht trei­ben einen Sol­da­ten in einen inne­ren Kon­flikt. Geschwis­ter, denen ein gemein­sa­mes Erbe zuge­fal­len ist, ent­zwei­en sich auf­grund ver­schie­de­ner Inter­es­sen. Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Glau­bens­rich­tun­gen bekämp­fen ein­an­der. Zwei Abtei­lungs­lei­ter in einem Betrieb, auf deren Zusam­men­ar­beit es ankommt, kön­nen ein­an­der nicht riechen.

Etwas ver­ein­facht könn­te man sagen: Wo sich Wider­sprü­che und Gegen­sät­ze ein­stel­len, war immer zunächst etwas durch das Leben, den Zufall, das Schick­sal, die Umstän­de neben­ein­an­der gestellt, zusam­men­ge­fügt, auf die eine oder ande­re Wei­se mit­ein­an­der ver­bun­den. Die zwei Abtei­lungs­lei­ter sind zum glei­chen Zeit­punkt in der glei­chen Fir­ma beschäf­tigt. Auf ihre Zusam­men­ar­beit kommt es aus der Sache her­aus an, um die es in dem Betrieb geht. Nicht etwa aus ethisch-mora­li­schen For­de­run­gen her­aus, die irgend­je­mand auf­stellt. Doch die bei­den sind so beschaf­fen, dass sie mit­ein­an­der nicht klar kom­men. Ganz anders fin­det sich die­ses Benach­bart­sein, die­se Berüh­rung zwei­er Sei­ten als Vor­aus­set­zung mög­li­chen Kon­flikts bei Islam und Chris­ten­tum, deren Ver­tre­ter eben­falls mit­ein­an­der in Kon­flikt gera­ten kön­nen und his­to­risch immer wie­der gerie­ten. Der Jesus des Lukas-Evan­ge­li­ums kommt im Koran vor. Er bil­det einen Bestand­teil des Islam. Wäh­rend er jedoch in die­sem ein Pro­phet unter Pro­phe­ten ist, ist er im Chris­ten­tum Got­tes Sohn. Im Islam hin­ge­gen hat Gott kei­nen Sohn. Da liegt ein Wider­spruch, Quel­le mög­li­chen Konflikts.

Bei ehe­mals eng mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Men­schen wird das Genann­te auf Anhieb deut­lich. Zunächst Nähe, Zusam­men­ge­hö­rig­keit. Das Leben hat etwas zusam­men­ge­fügt. Spä­ter dann Ent­zwei­ung. Auch wo inner­see­li­sche Kon­flik­te auf­tre­ten, ist dies so. Pflicht­ge­fühl und Lebens­lust zum Bei­spiel. Als Regun­gen in der eige­nen See­le sind sie uns bei­de eigen und kön­nen in Wider­spruch zuein­an­der geraten.

Was lässt sich für das Ver­ständ­nis und den Umgang mit Kon­flik­ten aus die­ser Betrach­tung gewinnen?
Wie die Din­ge zunächst zusam­men­ge­fügt sind, sind sie durch das Leben mit­ein­an­der ver­bun­den. Der Kon­flikt zer­stört die gege­be­ne Kon­stel­la­ti­on. Die anfäng­lich gege­be­ne Fügung erweist sich durch ihn als nicht mehr trag­fä­hig. Und nun ist die Bewäl­ti­gung des ent­stan­de­nen Kon­flikts durch uns selbst als poten­ti­ell wache, schöp­fe­ri­sche, bezie­hungs- und gestal­tungs­fä­hi­ge Sou­ve­rä­ne gefragt. Was zuvor durch das natür­lich ver­lau­fen­de Gesche­hen der Welt zustan­de kam, benö­tigt nun unse­ren bewuss­ten, geziel­ten und klä­ren­den Ein­satz, um in ein neu­es Ver­hält­nis, eine neue Bezie­hung zuein­an­der gebracht zu wer­den. Ohne den blie­ben nur Scher­ben und lang­sam ver­hei­len­de Wun­den. Durch bewusst in Angriff genom­me­ne Bear­bei­tung eines Kon­flikts schaf­fen wir Kul­tur. Wir geben dem zuvor in die Kri­se Gera­te­nen und Aus­ein­an­der­fal­len­den nach unse­ren Mög­lich­kei­ten und unse­rem Maß eine neue Gestalt.

Nothart Rohlfs